Im Juni 2026 rollte ein interdisziplinäres Forschungsteam auf dem Schweizer Gletscher "Glacier 3000" im Diablerets-Massiv zwei 100 Quadratmeter große Prototyp-Planen aus unbehandelter heimischer Schafwolle aus. Auch in Österreich gehören weiß verhüllte Eisflanken an touristischen Hotspots und in Skigebieten längst zum Sommerbild. Um die Schmelze an exponierten Stellen um 50 bis 70 Prozent zu verlangsamen, kommen üblicherweise synthetische Geotextilien aus Polyester und Polypropylen zum Einsatz. Diese künstlichen Abdeckungen verwittern durch UV-Strahlung, Stürme sowie Temperaturschwankungen rasch und geben Mikroplastik direkt an das alpine Schmelzwasser ab.
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Kampf gegen gefährliches Mikroplastik
Genau hier setzt das Projekt "Keep It Wool" der Umweltschutzorganisation "Summit Foundation" an. Neben den Wollplanen in verschiedenen Materialstärken installierten die Forscher zum Vergleich ein herkömmliches Kunststoff-Geotextil. Wissenschaftlich begleitet wird der Pilotversuch vom Forschungsinstitut CIRM der Universität Lausanne sowie den Glaziologen Mathias Huss und Mauro Fischer vom Schweizer Messnetz GLAMOS. Erste Messergebnisse bestätigen, dass die Wollplanen das Gletschereis ähnlich effektiv vor der Sommerhitze isolieren wie die synthetischen Gegenstücke.
Nachwachsender Rohstoff aus der Region
Die Naturfaser bietet dabei gleich mehrere ökologische Vorteile. Durch ihre gekräuselte Struktur schließt Wolle viel Luft ein, reflektiert das Sonnenlicht und isoliert hervorragend. Löst sich Material ab, verrottet es biologisch und rückstandslos in der Natur. Zudem wird ein regionales Produkt genutzt: In der Schweiz fallen etwa 70 Prozent der Rohwolle ungenutzt an und werden verbrannt oder kompostiert. Der Impuls für das Vorhaben entstand unter anderem aus Überlegungen zur Ausstellung "Glacier sous protection" der Kunsthistorikerin Nathalie Dietschy. Laut Laurent Thurnherr, Direktor der "Summit Foundation", setzt das Vorhaben auf eine komplett regionale Wertschöpfungskette.
Keine Rettung für das Alpeineis
Trotz des technischen Erfolgs verweisen die beteiligten Glaziologen auf die klaren Grenzen der Methode. In der gesamten Schweiz werden aktuell lediglich rund 0,02 Prozent der Gletscherfläche abgedeckt, um gezielt Skiliftstützen, Eisgrotten oder Fundamente zu sichern. Während durch Abdeckungen jährlich etwa 300.000 Kubikmeter Eis konserviert werden, liegt der jährliche Verlust der Schweizer Gletscher bei durchschnittlich rund einer Milliarden Kubikmetern. Die Wissenschaftler betonen daher, dass Planen nur lokale Symptome bekämpfen. Das Abschmelzen der Alpengletscher lässt sich schlussendlich nur durch eine weltweite Senkung von Treibhausgasen aufhalten.
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