Große Medien-Studie
Sackerl, Jänner und Paradeiser: Typisch österreichische Wörter sterben nicht aus
In Österreich wird oft und gerne das vermeintliche Aussterben der eigenen Sprachidentität beklagt. Ein Team um die Sprachwissenschafterin Alexandra N. Lenz von der Universität Wien und dem Austrian Center for Digital Humanities der ÖAW hat nun jedoch das Gegenteil bewiesen. Für die bisher größte Untersuchung ihrer Art analysierten die Wissenschafterinnen und Wissenschafter das riesige "Austrian Media Corpus" mit mehr als 50 Millionen Presseartikeln aus den Jahren 2001 bis 2023. Das Ergebnis überrascht: Die Verwendung typisch österreichischer Begriffe ist in den vergangenen 23 Jahren erstaunlich konstant geblieben.
Die Sprachwissenschaft schätzt den Wortschatz an lexikalischen Austriazismen auf rund 7.000 bis 8.000 Begriffe. Im Fokus der Forschung standen diesmal nicht nur bekannte Klassiker wie "Erdapfel", sondern insgesamt 76 Wortgruppen mit über 200 Varianten, die denselben Inhalt ausdrücken. Dazu gehören Gegenüberstellungen wie "Jänner" und "Januar" oder regionale Unterschiede beim Begriff für den Rauchfangkehrer.
Regionale Vielfalt im ganzen Land
Die Analyse offenbart komplexe sprachliche Strukturen innerhalb Österreichs. Während bundesdeutsche Begriffe oft als direkte Konkurrenten gesehen werden, zeigt sich im Detail eine feine regionale Verteilung. So ist der Begriff "Rauchfangkehrer" im bundesweiten Durchschnitt mit rund 95 Prozent der Nennungen absolut dominant. Im Westen Österreichs hält sich jedoch die Variante "Kaminkehrer" seit 23 Jahren stabil bei rund 30 Prozent.
Auch bei der Berufsbezeichnung für Fleischverarbeiter bleibt das Bild differenziert und stabil:
- Der "Fleischhauer" kommt österreichweit auf einen stabilen Anteil von 50 bis 60 Prozent.
- Der Begriff "Fleischer" bewegt sich konstant zwischen 40 und 50 Prozent.
- Im Westen des Landes behaupten sich "Metzger" (20 bis 40 Prozent) und "Schlachter" (6 bis 10 Prozent) erfolgreich.
Paradeiser behauptet sich gegen die Tomate
Besonders emotional wird in Österreich oft über Gemüse diskutiert. Hier zeigt die Studie, dass die "Tomate" in den Printmedien mit rund 60 Prozent zwar die Nase vorn hat, der Begriff "Paradeiser" sich jedoch vor allem im Osten des Bundesgebiets eisern und stabil hält. Ähnlich unerschütterlich zeigen sich über die Jahrzehnte hinweg auch andere typisch österreichische Wörter wie "Sackerl", "Trafik", "Maturantinnen und Maturanten" sowie der "Jänner".
Allerdings gibt es auch Verlierer im Sprachwandel. Wörter, die an Relevanz verlieren und wohl bald aus den Wörterbüchern verschwinden, sind laut den Forschenden beispielsweise:
- Der "Augendeckel" als Synonym für das Augenlid, der früher Standard war.
- Der "Feber" für den Monat Februar, der im heutigen Sprachgebrauch kaum noch eine Rolle spielt.
Identität und die Zukunft durch Künstliche Intelligenz
Sprache ist für die Österreicherinnen und Österreicher weit mehr als nur ein Kommunikationsmittel; sie ist ein wesentlicher Teil der eigenen Identität und sozialen Positionierung. Das österreichische Deutsch zeichnet sich dabei nicht nur durch eigene Wörter aus, sondern auch durch grammatikalische Besonderheiten wie die Bildung des Perfekts mit "sein" statt "haben" bei Verben wie "sitzen", "stehen" oder "liegen" ("ich bin gestanden"). In einem nächsten Forschungsschritt möchte das Team der Universität Wien untersuchen, wie sich der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und großen Sprachmodellen auf das österreichische Deutsch auswirken wird.
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