Experten kritisch

DB-Gäste erhalten KI-Kurzfassungen von Büchern

Drei Wochen alter Säugling fuhr allein im Zug
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Klassiker werden in gekürzter Form auf freie Bahnhofswende projiziert.
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Berlin (APA/dpa) - Was lässt sich in fünf, zehn oder zwanzig Minuten lesen? In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit knapp und lange Texte für viele Menschen zur Hürde werden, entstehen neue Formen der Literaturvermittlung. Klassiker werden gekürzt, vereinfacht oder in ungewöhnlichen Situationen angeboten - mit dem Ziel, einen ersten Zugang zu ihren Geschichten und Gedanken zu schaffen.

Literatur, passend zur Wartezeit

Ein Beispiel dafür findet sich derzeit an einigen Bahnhöfen in Deutschland. Dort können Reisende je nach Wartezeit zwischen einer Fünf-, Zehn-, Zwanzig- oder Dreißig-Minuten-Version berühmter Werke wählen. Das Projekt heißt "Lesen bis der Zug kommt" und bringt Franz Kafkas "Verwandlung" oder Jules Vernes "20 000 Meilen unter dem Meer" in Kurzfassung an Bahnhofswände - ebenso wie berühmte Reden, etwa Martin Luther Kings "I Have a Dream".

Die Deutsche Bahn hat dafür bis dato ungenutzte Wandflächen in "Kultur-Hotspots" verwandelt. Die Inhalte wurden mit Hilfe künstlicher Intelligenz zusammengefasst. Die Bahn verspricht, dabei die charakteristische Sprache und den Ton der Originale möglichst zu bewahren. Das Ende 2025 gestartete Projekt steht exemplarisch für einen neuen Umgang mit kulturellen Inhalten: Zusammenfassungen und Kurzfassungen sollen den Zugang zu Literatur erleichtern und Interesse an den Originalen wecken.

Wenn Klassiker leichter werden

Das Prinzip, Bücher auf die wichtigsten Gedanken und eine kurze Lese- oder Hörzeit zu verdichten, liegt im Trend. Apps wie Instaread bieten Zusammenfassungen von Bestsellern in Text- und Audioform an, die sich in etwa 15 Minuten lesen oder anhören lassen. Im Mittelpunkt stehen zentrale Ideen und Erkenntnisse - ein Angebot, das Wissen in kleine, leicht zugängliche Zeiteinheiten übersetzt.

Auch in Schulen gibt es seit Jahren vereinfachte Lektüren. Reihen mit Bezeichnungen wie "light" oder "x-light" arbeiten mit kürzeren Sätzen, vereinfachter Grammatik, größerer Schrift und zusätzlichen Erklärungen. Hinter dem Konzept steht der pädagogische Gedanke: Für Schülerinnen und Schüler, Deutschlernende oder Menschen mit Leseschwierigkeiten können historische Sprache, lange Satzkonstruktionen und ungewohnte Erzählformen eine erhebliche Hürde darstellen.

Zugang oder Ersatz?

Befürworter vereinfachter Ausgaben sehen darin deshalb vor allem eine Frage der Teilhabe. Literatur könne schließlich nur wirken, wenn sie überhaupt gelesen werde. Eine sprachlich vereinfachte Fassung sei besser als gar keine Lektüre und könne Neugier wecken - auf Goethe, Thomas Mann oder Gottfried Keller im Original.

Zugleich macht der Berliner Literaturdidaktiker Marcel Humar deutlich, was bei einer Vereinfachung auf dem Spiel steht: "Literatur entfaltet ihre Bedeutung nicht unabhängig von der Sprache, sondern gerade durch deren spezifischen Gebrauch." Für ihn sind Rhythmus, Satzbau, Metaphern und Mehrdeutigkeiten keine Verzierung, sondern der Kern des literarischen Werks. Wird die Sprache geglättet, verändert sich deshalb auch das Werk selbst. Oder, wie Humar es formuliert: "Wer literarische Texte als Sprachkunstwerke im Unterricht ernst nimmt, darf sie nicht nur in vereinfachter Form lesen."

Wenn lange Texte zur Hürde werden

Dass Literatur inzwischen kürzer und leichter angeboten wird, hat auch mit einer Entwicklung zu tun, die sich zunehmend messen lässt. Der deutsche Buchhandel verzeichnet einen deutlichen Rückgang bei jungen Lesern: Die Zahl der 10- bis 15-Jährigen, die 2025 ein Buch kauften, sank im Vergleich zum Vorjahr um 30,6 Prozent.

Für diese Entwicklung gibt es einen Begriff, der bereits aus der Medientheorie der 1960er-Jahre stammt und heute neue Aktualität gewinnt: "postliterarisch". Gemeint ist damit eine Gesellschaft, in der Lesen zwar nicht verschwindet, die Fähigkeit zum vertieften Lesen aber zunehmend verloren geht.

Die amerikanische Neurowissenschafterin Maryanne Wolf beschreibt diesen Prozess im Juli im US-Magazin "The Atlantic" als Verlust des "deep reading", des konzentrierten, vertieften Lesens. Es gehe nicht darum, einzelne Wörter nicht mehr zu verstehen, sondern darum, längere Texte aufmerksam zu erfassen, Zusammenhänge herzustellen und über das Gelesene nachzudenken. Eine Gesellschaft kann demnach durchaus lesen - und dennoch "postliterarisch" werden.

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