Interview

Kurt Langbein: "Wir lernen nicht mehr zu trauern"

Kurt Langbein.
© Langbein & Partner
Dokumentarfilmer 
Kurt Langbein widmet sich einem Tabuthema: dem Sterben. In MADONNA spricht er über seinen Film und das Leben mit Krebs im Endstadium.
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Den Gedanken an den Tod schieben wir gerne weit weg. Er ist ein Tabuthema, dem wir uns doch irgendwann stellen müssen. Der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilmemacher Kurt Langbein (72) hat das getan. Ausgehend von seiner eigenen Diagnose – Krebs im Endstadium – hat er sich dem Thema filmisch angenähert. Seine neue Dokumentation "Sterben für Anfänger" (ab 6. November im Kino) beleuchtet das Sterben von verschiedenen Seiten. Langbein spricht mit anderen Palliativpatient:innen, mit Mediziner:innen und setzt sich mit der Intensivmedizin und deren Grenzen auseinander, er widmet sich Nahtoderfahrungen und der Frage nach einem selbstbestimmten Ende.

Das Sterben ist erlernbar

"Ich habe mir erhofft, dass ich etwas lerne und mir leichter tue", erzählt Kurt Langbein im MADONNA-Interview. Er spricht offen über seine Gedanken zum Tod, den Umgang mit den eigenen Ängsten und über seinen Wunsch, mit "Sterben für Anfänger" dazu beizutragen, dass sich unser Umgang mit dem Tod ändert und wir ihn als Teil des Lebens betrachten.

Das Interview

Warum haben Sie entschieden, dieses Thema und Ihre persönliche Geschichte zu einem Film zu machen?

Kurt Langbein: Ich gehe schon länger mit der Idee schwanger, einen Film über das Sterben und den Tod zu machen. Inspiriert hat mich ein lieber Kollege, der den Vorschlag brachte, aber dann gesagt hat, er schafft es nicht. Ich war sehr lange Krebspatient. Ende 2023 wurde ich mit der Diagnose konfrontiert, dass die Ärzte nichts mehr machen können, von dem wir uns Heilung erhoffen. Was wir machen können, ist bremsen, also das palliative Stadium. Ich dachte mir, ich muss den Film neu denken und er wurde immer persönlicher. Das war gut, weil er eine eigene Authentizität bekommen hat.

Ich stelle es mir schwierig vor, dieses Thema anzugehen, wenn man betroffen ist.

Langbein: Das ist es. Ich habe mir erhofft, dass ich etwas lerne und mir leichter tue. Das ist auch eingetreten. Ich habe aber ein bisschen Erfahrung darin. Nach meiner ersten Krebserkrankung war ich so von den Gefühlen gepackt, dass ich etwas begonnen habe, das ich nie gemacht hatte: ein Tagebuch zu führen. Daraus wurde ein Buch und noch ein Buch und dann ein Film. Ich konnte die heilsame Wirkung der öffentlichen Auseinandersetzung mit mir selbst schon einmal genießen. Dadurch ging es leichter.

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Sie sagten, Sie wünschen sich einen anderen Umgang mit dem Tod. Was wünschen Sie sich?

Langbein: Wir sind alle sterblich. Der Tod wartet auf uns. Gleichzeitig werden das Sterben und der Tod verdrängt und weggeschoben. Wir lernen nicht mehr zu trauern. Ein Beispiel: Meine Schwiegermutter ist vor 40 Jahren an Krebs gestorben. Sie wurde von uns zu Hause gepflegt und – gegen das Gesetz – aufgebahrt. Drei Tage und Nächte war Trauer. Man brauchte früher keine Trauerseminare und Trauerbegleitung, weil es ein Teil des Lebens war, an dem alle teilnahmen und erlebten, dass das Sterben zum Leben gehört. Ich hoffe, dazu beizutragen, dass wir das Sterben und den Tod als unseren Lebensbegleiter sehen und lernen, damit umzugehen. Dann fällt es auch leichter, wenn man selbst damit konfrontiert ist. Man kann es, glaube ich, lernen.

Der Titel "Sterben für Anfänger" deutet schon an, dass es etwas zu lernen gibt. Was konnten Sie lernen?

Langbein: Ich habe gelernt hinzuschauen, diesen Reflex des Wegschiebens zu überwinden und mich mit meiner Angst auseinanderzusetzen. Dadurch verschwindet sie immer mehr. Ich habe die absolute Unwissenheit, wo ich landen werde, durch die Auseinandersetzung mit den Nahtoderlebnissen ein bisschen überwunden. Sie sind für mich ein klares Indiz, dass es zwar keinen Himmel und keine Wiedergeburt gibt. Aber es gibt offenbar so etwas wie ein nicht-lokales Bewusstsein, in dem alles und jeder aufgeht. Man kann sagen, Nahtoderlebnisse beweisen, dass Menschen, die klinisch tot sind, Dinge außerhalb ihres Körpers wahrnehmen. Das ist verifizierbar und kann nur sein, wenn das Bewusstsein mehr ist als das, was unser Gehirn produziert. Dieses "noch etwas" kann ich nicht näher definieren. Ich bin neugierig, was da passiert.

“Ich hoffe, dazu beizutragen, dass wir das Sterben und den Tod als unseren Lebensbegleiter sehen.”

Kurt Langbein.

Neugier hört man in Zusammenhang mit dem Tod selten.

Langbein: Es geht mir auch gut damit. Ich kann offen darüber reden, ich kann darüber nachdenken. Ich habe Situationen, in denen ich das Gefühl habe, hoppala, jetzt bin ich aber nah dran. Ich weiß nicht, ob ich am Krebs sterbe oder an den Folgen der Behandlung. Ich glaube, die Chancen stehen fifty-fifty. Manchmal flackert die Angst kurz auf. Aber sie hat keinen Bestand.

Ich habe den Eindruck, man ist sehr ausgeliefert: den Ärzten, aber auch den Umständen. Wie kommt man damit zurecht?

Langbein: Das zeige ich im Film. Ich habe einen Mann besucht, der entschieden hat, sich selbst aus dem Leben zu nehmen, weil es für ihn aufgrund seiner schweren Krankheit unerträglich geworden ist. Er hat diese Genehmigung gekriegt und gleichzeitig hat ein Palliativmediziner ihm Tipps gegeben. Er wurde zum Souverän über seine Medikation und kann sie einsetzen, wie er sie braucht. Sagen zu können, "Ich bin jetzt Herr über meinen Tod und ich bin Herr über meine Medikation", hat ihn wieder aufgebaut. Es ist ein Jahr her, dass wir ihn besucht haben. Er lebt bis heute. Das zeigt, dass die Selbstermächtigung ein zentraler Punkt ist.

Erholung am Meer.
Die Erholung am Meer tut Kurt Langbein gut. © Langbein & Partner

Was bereitet Ihnen Freude und gibt Ihnen Kraft, weiterzumachen?

Langbein: Es gibt vieles. Arbeiten kann ich manchmal zwei, drei Stunden. Es macht mir Freude, wenn etwas weitergeht. Ich plane nicht mehr. Ich denke in Drei-, Vier-Wochen-Horizonten. Weiter nicht. Wenn ich mit meiner Enkelin unterwegs bin, ist das pure Freude. Das sind meine liebsten Erinnerungen und Momente.

Was soll nach Ihrem Tod von Ihnen bleiben?

Langbein: Menschen in meiner Situation sagen oft, "wenn meine Liebsten an mich denken", leben sie weiter. Diese Form der Erinnerung existiert, solange meine Angehörigen und Liebsten das machen. Bei meinen Freunden ist es mir ja ähnlich ergangen: Sie bleiben präsent. Jeder von ihnen hat mir etwas zurückgelassen und mitgegeben, an das ich oft denke. Solche Spuren bleiben. Ich glaube, ein Buch oder ein Film bleibt auch. Das ist aber, wie die Zeit zeigt, relativ. In 50 Jahren oder in 100 Jahren weiß das keiner mehr. Das macht aber nichts, weil dann haben sich meine Filme ohnehin erübrigt.

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