Igelkunde
Igel zum Anfassen: Wenn Wildtiere zu Lehrmitteln werden
Ein Beitrag von ORF Salzburg vom 12. Oktober zeigt, wie die Wildtiere dabei von kleinen Kindern angefasst und herumgereicht werden. Das sorgt nun für heftige Kritik, denn was für Kinder ein aufregendes Erlebnis ist, kann für die stacheligen Tiere eine erhebliche Belastung sein – gerade bei Igel, die sich eigentlich zurückziehen und nicht angefasst werden wollen.
Wie ORF Salzburg berichtet, soll es sich dabei sogar um eine regelmäßige Tätigkeit handeln: "Der Leiter der Igelstation Dienten tourt zu dieser Jahreszeit regelmäßig durch Kindergärten und Schulen, um den Kindern die stacheligen Wildtiere näher zu bringen."
Beim Besuch im Kindergarten Maria Alm im Pinzgau handelt es sich um Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Im Beitrag ist zu sehen, wie die Kinder die Igel mit den Händen berühren, sie halten und von einem Kind zum nächsten weiterreichen. Die Pädagogin zeigt sich erfreut und sagt gegenüber ORF Salzburg, dass die Aufregung groß sei.
Doch genau diese Situation ist für die Tiere problematisch. Igel sind keine Haustiere, sondern Wildtiere, deren Bedürfnisse sich grundlegend von denen eines Hundes oder einer Katze unterscheiden. Sie sind dämmerungs- und nachtaktiv. Tagsüber ziehen sie sich normalerweise in geschützte Nester zurück und schlafen. Der Besuch in einem Kindergarten findet hingegen mitten am Tag statt – in einer Umgebung mit vielen Menschen, Stimmen, Bewegungen und wechselnden Reizen. Statt Ruhe und Rückzug erleben die Tiere eine Situation, die ihrem natürlichen Tagesrhythmus widerspricht.
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Fachstellen wie der Naturschutzbund Österreich und Stadtwildtiere Wien empfehlen, Igel möglichst nicht zu stören und sie nicht anzufassen. Kontakt mit Menschen sollte auf das notwendige Maß beschränkt bleiben. Bei pflegebedürftigen Tieren ist menschlicher Kontakt zwar manchmal unvermeidbar, etwa bei Untersuchungen und medizinischer Versorgung. Daraus ergibt sich aber keine Rechtfertigung, die Tiere zusätzlich für Vorführungen durch verschiedene Einrichtungen zu transportieren.
Besonders kritisch ist eine Szene im ORF-Beitrag: Einer der Igel rollt sich ein, während Kinder ihn berühren. Dieses Einrollen ist eine natürliche Schutzreaktion. Der Igel zieht seinen empfindlichen Körper zurück und schützt sich mit seinen Stacheln vor einer möglichen Gefahr. Aus der Szene allein lässt sich nicht sicher feststellen, wie stark das Tier gestresst ist. Sie zeigt aber auch keineswegs, dass der Igel den Kontakt möchte oder genießt. Im Gegenteil: Wenn sich ein Wildtier bei Berührung zur Abwehr zusammenrollt, sollte das ein Anlass sein, es in Ruhe zu lassen – und nicht, es weiterzureichen.
Hinzu kommen die Transporte zwischen Kindergärten und Schulen. Sie bedeuten zusätzliche Veränderungen der Umgebung und können für Wildtiere eine weitere Belastung darstellen. Bei einer regelmäßigen Tour stellt sich deshalb die Frage, ob die Tiere tatsächlich von Einrichtung zu Einrichtung gebracht werden müssen, um Kindern die heimische Tierwelt näherzubringen. Tierschutzbildung sollte vermitteln, wie man Tiere respektiert und ihre Bedürfnisse schützt – nicht, dass man sie jederzeit anfassen und herumtragen darf.
Besonders schwer wiegt, dass Igelstationen Tiere aufnehmen, weil diese Hilfe benötigen: Sie sind beispielsweise verletzt, krank, unterernährt oder zu schwach, um allein in der Natur zu überleben. Solche Tiere brauchen fachkundige Versorgung, Ruhe und möglichst wenig unnötige Störungen. Ob die sieben im Beitrag gezeigten Igel vollständig gesund waren und weshalb sie für diese Besuche ausgewählt wurden, ist nicht ersichtlich. Gerade deshalb wäre eine Erklärung nötig, welche Kriterien für den Einsatz der Tiere gelten und wie ihre Belastung vermieden wird.
Auch für die spätere Auswilderung ist der Umgang mit Menschen relevant. Ziel einer Igelstation ist es, die Tiere auf ein selbstständiges Leben in der Natur vorzubereiten. Eine unnötige Gewöhnung an Menschen ist dabei nicht wünschenswert. Es lässt sich zwar nicht behaupten, dass einzelne Begegnungen automatisch eine erfolgreiche Auswilderung verhindern. Wiederholter Kontakt ohne einen notwendigen Pflegegrund ist dennoch kritisch zu hinterfragen.
Ist diese Form der Tierpräsentation überhaupt erlaubt?
Auch rechtlich stellen sich Fragen. Nach § 28 des österreichischen Tierschutzgesetzes bedarf die Verwendung von Tieren bei sonstigen Veranstaltungen grundsätzlich einer behördlichen Bewilligung. Ob die regelmäßigen Besuche in Kindergärten und Schulen konkret darunterfallen, hängt von der rechtlichen Einordnung des Einzelfalls ab. Zusätzlich gelten die allgemeinen Anforderungen des Tierschutzgesetzes: Die Bedürfnisse der Tiere müssen berücksichtigt werden, und ihnen dürfen keine ungerechtfertigten Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden. In Salzburg verbietet das Naturschutzrecht zudem unter anderem die mutwillige Beunruhigung geschützter Wildtiere. Ob die gezeigten Besuche gegen eine dieser Vorschriften verstoßen, ist bislang nicht geklärt und müsste von den zuständigen Behörden geprüft werden.
Kindern die Natur näherzubringen, ist wichtig. Dafür braucht es aber keine Igel, die tagsüber aus ihren gewohnten Ruhephasen geholt, transportiert und von zahlreichen Kinderhänden berührt werden. Fotos, Videos, Modelle oder Beobachtungen aus sicherer Entfernung können Wissen vermitteln, ohne die Tiere einer solchen Situation auszusetzen.
Wer Wildtiere schützen will, muss ihre Bedürfnisse über den Wunsch nach direktem Kontakt stellen. Ein Igel ist kein Anschauungsobjekt, das für ein besonders aufregendes Erlebnis von Hand zu Hand gereicht werden sollte.
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