Stadion-Streit

Hacker: "Wien verdient mit Fußballspielen keinen Cent"

Ein Mann mit Brille und grauen Haaren spricht in einem Fernsehstudio.
© oe24
Wiens Sport-Stadtrat Peter Hacker hat im oe24.TV-Interview mit Niki Fellner im Stadion-Streit nachgelegt.
OE24 auf Google bevorzugen
Video zum Thema

Sportstadtrat Peter Hacker im Interview


© oe24


Anfang der Woche sorgte die Attacke von ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick, dass die Stadt Wien in der Causa Nationalstadion nicht gesprächsbereit sei, für viel Wirbel. Im oe24.TV-Interview schießt SPÖ-Stadtrat Peter Hacker nun zurück.

oe24: Rund um Wien herum, von München bis Budapest, sind neue, topmoderne Stadien entstanden.

PETER HACKER: Ich finde es irritierend, dass der Teamchef, den ich sehr schätze, so tut, als würde er jede Woche oder jedes Monat beim Bürgermeister oder bei mir am Schreibtisch sitzt, um Pläne vorzustellen und vorzulegen, die dann rüde abgewehrt werden. Faktum ist, der Teamchef war einmal oder zweimal bei mir. Das ist schon mehrere Jahre her. Seither höre ich immer wieder Interviews. Wenn man mit mir ernsthaft darüber reden will, dann gehe ich davon aus, dass man auch Pläne auf den Tisch bekommt. Ich höre immer Gerüchte, dass es so viele Investoren gibt. Es ist bis heute keiner gekommen. Zwischendurch wurden Namen genannt, die haben sich alle brüsk distanziert davon, dass sie jemals als Investor in dem Zusammenhang vorkommen wollen. Wenn ich mir gleichzeitig anschaue, was wir in unserer Stadt alles machen für den Sport, welche Maßnahmen wir gesetzt haben, wie viel Geld wir auch investiert haben, passt das irgendwie nicht zusammen.

oe24: Es soll bis zu vier Investoren geben. Sie kennen die nicht?

HACKER: Nein, es gibt auch keine Unterlagen, auch der ÖFB-Präsident kennt sie nicht. Ich freue mich, wenn die sich vorstellen und ich hoffe, sie kommen dann auch gleich mit entsprechenden Businessplänen. Ich finde das Träumern auch fantastisch. Aber wenn es darum geht, dann die Dinge wirklich zu machen, müssen wir mit brauchbaren Unterlagen arbeiten können, als nur mit Fantasien und guten Ideen.

“Ich hoffe, sie kommen dann auch gleich mit entsprechenden Businessplänen.”

Peter Hacker über die angeblichen Staidon-Investoren

oe24: Dennoch muss man sagen, Städte mit vergleichbarer Größe, ich habe Budapest angesprochen, ich habe München angesprochen, die haben moderne Stadien. Warum hat Wien nach wie vor kein modernes Multifunktionsstadion, das man für Fußball, aber auch für Konzerte etc. nutzen kann?

HACKER: Wir haben das in einer anderen Dimension. Im Gegensatz zu anderen Städten haben sich unsere zwei großen Fußballvereine vor vielen Jahren entschieden, nicht in einem gemeinsamen Stadion sein zu wollen. Daher haben wir ein Stadion für die Wiener Austria, ein Stadion für Rapid finanziert, die beide multifunktionell sind, aber natürlich in der Dimension der Liga, in der die beiden auch spielen. Das Austria-Stadion ist ein wunderbares Stadion, das viele verschiedene Sportveranstaltungen beherbergt. Bei Rapid ist es ein bisschen schwieriger. Wir haben in den letzten Jahren fast eine halbe Milliarde Euro in den gesamten Sport gesteckt. Also davon zu reden, wir hätten nicht die Bereitschaft, Mittel in die Hand zu nehmen, das ist weit gefehlt.

oe24: Dass das Happel-Stadion nicht den Standards entspricht, wie moderne Stadien 2026 aussehen sollten ist auch kein Geheimnis.

HACKER: Wenn ich mir die Stadien in Rom anschaue, wenn ich mir das Stade de France in Paris anschaue, das Stadion in London  oder in Berlin, gibt es ganz viele Stadien, die den gleichen Schnitt haben, wie das Wiener Prater-Stadion. Das sind Stadien, die ab den 30er Jahren als multifunktionelle Arenen entstanden sind. Da war Leichtathletik noch eine ganz wichtige Sportart. Und diese Stadien gibt es nach wie vor. Frankreich spielt regelmäßig in Paris. In Rom spielen zwei Mannschaften, die wir alle kennen, im gleichen Stadion noch dazu. Davon zu reden, dass alle nur in viereckigen, hochmodernen Stadien spielen, ist ja nicht wahr. Wir investieren extrem viel in den Sport, wenn es gute Ideen gibt für die weitere Investition in das Nationalstadion, habe ich kein Problem damit. Zu sagen, es liegt ja nur daran, weil wir sagen Nein, muss ich sagen, es gibt nichts zum Nein sagen. Es liegt nichts am Tisch, wo man Nein sagen könnte.

“Davon zu reden, dass alle nur in viereckigen, hochmodernen Stadien spielen, ist ja nicht wahr.”

Hacker über die umstrittene Laufbahn im Happel-Stadion

oe24: Aber wollen Sie ein neues Nationalstadion und wenn ja, an welchem Standort?

HACKER: Natürlich kann ich mir das vorstellen, ich finde es auch cool, wenn ich ins Bayern-Stadion gehe. Die Frage ist, was ist realisierbar, was ist machbar, steht der Aufwand in der Relation zum Erlös? Wenn ich mir die Spiele der Nationalmannschaft in Wien anschaue, das sind im Schnitt drei Spiele im Jahr in Wien, manchmal sind es vier Spiele. Die wenigsten dieser Spiele in den letzten fünf Jahren waren ausverkauft. Im Durchschnitt haben wir knapp 33.000 Zuschauer, wenn die Nationalmannschaft spielt. Das hat weder was damit zu tun, in welchem Zustand die Tribünen sind, die Toilette-Anlagen sind oder die Gastronomie. Das ist einfach die Dimension, in der Fußball in Österreich stattfindet. Das sage ich ohne Vorwurf, aber das ist einfach Faktum. Wenn wir uns den Cup anschauen, wie viele Menschen sitzen dann tatsächlich in den Stadien. Ich halte das daher für richtig und auch eine Frage von Verantwortung, die Infrastruktur so zu bauen, dass sie tatsächlich voll genutzt wird.

oe24: Im neuen Rapid-Stadion ist der Zuschauer-Schnitt höher, als er im alten Stadion war und beim LASK ist es ähnlich. Die Stadien tragen scheinbar schon dazu bei, dass mehr Leute zu den Spielen kommen.

HACKER: Aber wenn wir dann mit 5% Wachstum oder 10% Wachstum glücklich sind, dann sind wir bei 35.000 Zuschauern. Da muss man trotzdem Kosten und Nutzen in die richtige Relation setzen. Das Wiener Happel-Stadion ist eine Veranstaltungsstätte, in der vor allem mit Konzerten Geld verdient wird. Wir verdienen dort keinen Cent mit Fußballspielen, ganz im Gegenteil. Jedes Fußballspiel ist an sich für das Stadion ein Defizit. Wir verhandeln gerade mit dem ÖFB über vollkostendeckende Tarife bei den Fußballspielen in der Dimension von kleinen sechsstelligen Beträgen. Also eine Investition in Höhe von Milliarden muss auch verdient werden. Und ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der sagt, okay, ich lege jetzt eine Milliarde am Tisch und ich will gar nichts haben dafür. Das ist ein Missverständnis vom Wort Investor.

“Jedes Fußballspiel ist an sich für das Stadion ein Defizit.”

Hacker über die Stadion-Kosten

oe24: Was würde so ein neues Stadion Ihrer Meinung nach kosten?

HACKER: Das ist eine Frage von einem Businessplan. Wir sind meilenweit entfernt von einem Businessplan, es gibt nicht einmal eine Geschäftsidee. Von den Stadien, die errichtet wurden, gibt es eine Spannbreite zwischen einer halben Milliarde und zweieinhalb Milliarden. Es ist eine betriebswirtschaftliche Frage und nicht eine kommunikationswissenschaftliche Frage. Was rechnet sich an so einem Standort? Ich habe mir den Denkmalschutz in dem Gebäude nicht ausgesucht, das ist eine Frage vom Bundesdenkmalamt. Aber er ist. Wenn ich mir anschaue, mit welcher Leidenschaft wir in Wien Denkmalschutzfragen diskutieren, dann kann ich mit der Begrifflichkeit und der despektierlichen Bezeichnung vom Kolosseum in Rom relativ wenig anfangen.

oe24: Aber wäre Ihre favorisierte Position derzeit, dass man das Praterstadion saniert, oder würden Sie eher auf einen neuen Standort ausweichen?

HACKER: Ich glaube, dass der Standort einer der bestgeeignetsten überhaupt ist. Wir haben Infrastruktur, die bis zur U-Bahn geht. Wir sind in der Lage, ein volles Praterstadion innerhalb von eineinhalb Stunden aus dem Gebiet wieder in die Stadt zu befördern. Da können viele Standorte auch in Deutschland nur träumen davon, welche Infrastrukturmöglichkeiten wir an diesem Standort haben. Wir haben einen Partizipationsprozess eingeleitet, wo viele eingeladen waren, einzubringen, welche Vorstellungen und Vorschläge es gibt. Da muss ich sagen, ist vom Fußball sehr wenig gekommen.

oe24: Welche Alternativen als Standorte gäbe es Ihrer Meinung nach? Da wurden zuletzt zum Beispiel auch die Aspanggründe genannt.

HACKER: Ich wüsste nicht, wo auf den Aspanggründen ein Fußballstadion entstehen sollte. Dort haben wir mit sehr viel Steuergeld das Trainingszentrum für die Nationalmannschaft errichtet. Da ist zwei Drittel von den Errichtungskosten vom Steuerzahler investiert worden. Wenn man schon der Meinung ist, man ist in der Lage, solche Dinge selbst zu finanzieren, dann hätte ich mich gefreut, wenn da entsprechender Finanzierungsinput gekommen wäre. Zwei Drittel der Finanzierung des Trainingszentrums des ÖFB hat der Steuerzahler übernommen, mehr hat der ÖFB nicht aufbringen können. Es ist legitim, dass Teamchefs auch ständig sagen, ich hätte gerne noch bessere Bedingungen für meine Mannschaft. Das ist beim Nationalteam genauso akzeptabel wie beim Training in der dritten Liga. Am Ende des Tages müssen sich die Dinge auch immer an dem orientieren, was wirklich machbar ist.

oe24: Jetzt soll es im ÖFB bereits Alternativpläne geben, dass man ein Nationalstadion in Niederösterreich vor den Toren Wiens bauen könnte. Wie sehr würde Sie das schmerzen?

HACKER: Gar nicht. Herzlich Willkommen. Es gibt so viele Gerüchte zu diesem Themenfeld, teilweise muss ich darüber fast schon schmunzeln.

oe24: Das heißt, das Nationalstadion muss nicht in Wien sein?

HACKER: Nein, es scheitert schon am Begriff, was heißt Nationalstadion. Heißt das, dass die Nationalmannschaft nur mehr im Nationalstadion spielt? Wenn man meint, man will Investoren dann auch zu einer Rendite, einer Rückzahlung der Investitionen in irgendeiner Form verhelfen, dann muss dort viel stattfinden. Ist man der Meinung, die Nationalmannschaft spielt nur mehr in diesem Nationalstadion, egal wo es steht? Da wünsche ich viel Vergnügen. Ich bin der Meinung, dass es nicht uncharmant ist, dass die Nationalmannschaft auch manchmal in Salzburg spielt und in Linz oder in Klagenfurt, vielleicht auch mal wieder in Graz und in Innsbruck spielen kann. Ich finde es gut, wenn die Nationalmannschaft nicht nur in einem Stadion spielt. Ich schaue irrsinnig gerne Fußballspielen unserer Nationalmannschaft zu. Ich bin stolz auf diese Mannschaft, so wie die meisten Österreicherinnen und Österreicher. Aber man muss eine solche Diskussion dann auch mit einer gewissen Professionalität führen.

“Ist man der Meinung, die Nationalmannschaft spielt nur mehr in diesem Nationalstadion, egal wo es steht?”

Hacker über einen möglichen Standort außerhalb Wiens.

oe24: Jetzt ist das Nationalteam das eine, das andere sind die Konzerte und da heißt es immer wieder von den Veranstaltern, das liegt auch an unserem Stadion. Fällt Wien dann nicht auch um einen beträchtlichen Wirtschaftsanteil um und schmerzt das nicht auch als Kulturhauptstadt?

HACKER: Ja, natürlich wäre es cool. Wenn man sich die Tourdaten genauer anschaut, fällt auf, dass immer mehr Städte ausfallen. Diese Konzerte komprimieren und die gesamte Branche verändert sich. Man reduziert die Zahl der Standorte, an denen man spielt und bleibt an einem Standort länger, was daran liegt, dass der Aufbau der gesamten Infrastruktur für diese Konzerte eine Dimension angenommen hat, die vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen ist. Die maximalste Ausprägung davon waren die Konzerte von Adele in München, weil es gar keinen vergleichbaren Platz gäbe, um das, was dort stattgefunden hat auszurichten. Man muss einfach sehen, dass sich die Konzertbranche und die Tourlogiken auch verändern. Ich verstehe auch, dass die Superstars nicht jeden Tag in einer anderen Stadt spielen wollen. Wir haben in den letzten Jahren großartige Konzerte im Stadion gehabt und wir werden auch in den nächsten Jahren großartige Konzerte haben. Viele davon sind schon gebucht, manche davon sind noch nicht bekannt und daher kann ich sie nicht verraten.

oe24: Nicht alle dieser Konzerte sind in Stadien geplant, viele wollen auch in Hallen spielen. Da ist in Wien die große Eventhalle geplant, aber es gab zuletzt Gerüchte, dass sich eine Eröffnung 2030 definitiv nicht ausgeht, aber auch, dass die vielleicht überhaupt nicht gebaut wird. Was ist da dran?

HACKER: Das weiß ich nicht, das ist eine Frage der Wien Holding. Ich wurde gefragt, ob ich glaube, dass 2030 hier schon Tennis gespielt werden kann und ich habe gesagt, "das kann ich mir nicht vorstellen, weil sich das geht sich zeitmäßig nicht mehr ausgeht". Mehr kann ich dazu nicht beitragen. Ich weiß, dass im Augenblick sehr intensive Verhandlungen über die Realisierung dieses Projektes laufen und ich hoffe sehr, dass es gelingt.

oe24: Sie sind nicht nur Sportstadtrat, sondern auch Sozialstadtrat in Wien. Jetzt hat die Bundesregierung eine neue Sozialhilfe. Das Sozialhilfegesetz vorgestellt, was halten Sie von diesem Plan?

HACKER: Meine Mitarbeiter arbeiten es im Augenblick durch. Ich schätze, ich bin Ende nächster Woche in der Lage tatsächlich zu sagen, was ich davon halte. Ich glaube, man sollte keine Gerüchte verbreiten, bevor die Sachen durchgearbeitet sind. Es ist ein Grundsatzgesetz und dieses Grundsatzgesetz bildet den Rahmen für die Landesgesetze. Daher sollte man die Kirche jetzt einmal im Dorf lassen. Schauen wir, was die Expertinnen und Experten ausarbeiten und dann reden wir weiter.

oe24: Wie wird die Sozialhilfe oder Mindestsicherung in Wien dadurch sinken?

HACKER: Da gibt es viele andere Aspekte, die wesentlich wichtiger sind. Die entscheidende Frage, die mich interessiert ist: gibt es mehr Maßnahmen beim AMS und beim ÖAF, dass die Menschen in der Mindestsicherung darauf warten, Kurse, Ausbildungen, Weiterbildungen, Fortbildungen, Förderungen zu bekommen, ist das auch vorgesehen oder nicht? Und das wird sich erst materialisieren, wenn meine Mitarbeiter das durchgearbeitet haben.

oe24: Sie sind auch Gesundheitsstaatrat, auch da gibt es Einsparungsmaßnahmen der Bundesregierung im Universitätsbereich. Da hieß es von Seiten des Wiener AKH, dass man aufgrund der Sparpläne bei den Universitäten ganze Abteilungen sperren müsste. Wird das passieren?

HACKER: Kann ich mir nicht vorstellen, wir haben zum AKH einen unmissverständlich Vertrag zwischen der Republik und der Stadt Wien. In diesem Vertrag ist festgelegt, wie viele Mitarbeiter welcher Berufsgruppe im AKH beschäftigt sein müssen. Daher könnte ich jetzt überhaupt keine Bandbreite sehen, von diesem Vertrag abzurücken. Daher gehe ich davon aus, dass die Republik und dann auch die Universität vertragstreu sind.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden