Road to Berlin

Berlin Marathon - 1: Ich wollte 42 Kilometer laufen. Bei 38 war Schluss

Viele Marathonläufer rennen am Secessionsgebäude in Wien bei einem Stadtmarathon vorbei.
© Getty Images
Im April bin ich beim Vienna City Marathon bei Kilometer 38 zusammengebrochen. Jetzt bekomme ich in Berlin eine zweite Chance. In meinem Trainingstagebuch nehme ich Sie mit auf die Vorbereitung - von Fueling über Training bis zum Race Day. Das ist Teil 1: Warum ich diesmal meinen Magen trainiere.
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Kilometer 34. Noch acht Kilometer bis ins Ziel. Ich hatte mir für den Vienna City Marathon 3:45 Stunden vorgenommen und bis hierhin lief eigentlich alles nach Plan. Dann bekam ich plötzlich starke, krampfartige Magenschmerzen. Mein erster Gedanke: Das geht schon. Es sind ja nur noch acht Kilometer. Also lief ich weiter. Ich versuchte sogar, meine Pace zu halten.

Die Magenschmerzen wurden nicht besser. Aber zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch nicht daran, dass mein Marathon tatsächlich kurz vor dem Ende stehen könnte. Erst ein paar Kilometer später wurde klar, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Vienna City Marathon: Bei Kilometer 38 begann ich zu taumeln

Bei Kilometer 38 begann ich zu taumeln. Mir wurde immer wieder schwarz vor Augen. Ich musste mich hinsetzen, dann hinlegen. Personen an der Strecke riefen sofort die Rettung. Als sie eintraf, konnte ich weder meine eigene Adresse nennen noch irgendetwas auf meinem Handy wiedererkennen. Ich übergab mich und ab diesem Zeitpunkt war klar: Mein Marathon war endgültig vorbei. Und rückblickend glaube ich, dass ich einen entscheidenden Teil meiner Vorbereitung komplett unterschätzt hatte: mein Fueling.

Dabei war ich eigentlich überzeugt, gut vorbereitet zu sein

Bewegungsunscharfe Aufnahme von Läuferbeinen bei einem Stadtmarathon auf Asphalt.
Läuferbeinen bei einem Stadtmarathon auf Asphalt. © Getty Images

Der Wien Marathon war mein zweiter Marathon. Meinen ersten war ich in rund 4:10 Stunden gelaufen. Damals hatte ich das Tempo allerdings nicht wegen meiner Kondition reduzieren müssen, sondern wegen Hüftschmerzen. Ich wusste also: Die 42,195 Kilometer sind eine Herausforderung, aber meine Ausdauer war nicht das, worüber ich mir am meisten Sorgen machte.

Für Wien wollte ich deshalb einen großen Schritt machen: 3:45 Stunden. Das entspricht einer durchschnittlichen Pace von etwa 5:20 Minuten pro Kilometer. Ambitioniert? Definitiv.

Aber ich hatte Vertrauen in meine Fitness, hatte monatelang meine Hüfte trainiert, hatte Technik-Training mit einer Lauftraininerin und bin monatelang brav gelaufen. Nur: Dieses Training fand unter völlig anderen Bedingungen statt, als ich sie später am Marathon-Sonntag vorfinden sollte.

Mein Marathontraining fand bei Minusgraden statt

Lauftraining bei Minusgraden und Schnee. © Getty Images/Westend61

Der Winter vor dem Wien Marathon war kalt. Sehr kalt. Eis, Minusgrade und glatte Straßen gehörten für mich irgendwann zum Trainingsalltag. Gerade abends war Laufen draußen teilweise schlicht keine Option. Also wurde das Laufband zu einem ziemlich regelmäßigen Trainingspartner. Ich hatte meinen Körper monatelang darauf vorbereitet, Kilometer um Kilometer zu laufen, aber eben häufig bei Kälte. Dann kam der Frühling und mit ihm plötzlich deutlich wärmere Temperaturen.

Und Hitze macht einen Marathon nicht einfach nur unangenehmer. Sie stellt den Körper vor eine zusätzliche Aufgabe: Er muss gleichzeitig die arbeitende Muskulatur versorgen und Wärme abgeben. Unter Hitzestress wird unter anderem mehr Blut zur Haut geleitet, damit der Körper über die Schweißproduktion Wärme loswerden kann. Gleichzeitig kann die Durchblutung des Magen-Darm-Trakts während intensiver Belastung abnehmen. Das kann die Verdauung und Aufnahme von Flüssigkeit und Kohlenhydraten erschweren und Beschwerden wie Übelkeit, Krämpfe oder Erbrechen begünstigen. Bei mir kam dazu ein Fehler, den ich selbst gemacht hatte.

Ich hatte mein Fueling nicht trainiert

Das klingt im Nachhinein fast schon absurd. Ich kannte die Peeroton Hydro Gels bereits von meinem ersten Marathon. Also habe ich sie für Wien einfach wieder verwendet. Das Problem: Ich fand sie damals schon ziemlich süß und mochte sie ehrlich gesagt überhaupt nicht besonders gerne.

Statt das Thema im Training konsequent anzugehen, habe ich mich bei meinen Long Runs deshalb immer wieder mit anderen Dingen beholfen: Quetschies, Energieriegeln und teilweise deutlich weniger Fueling, als ich später im Marathon brauchen würde. Ich dachte schlicht: Ich kenne die Gels ja schon. Das wird schon passen.

Im Nachhinein: vollkommener Blödsinn. Denn genau das hätte ich trainieren müssen. Nicht nur meine Beine müssen lernen, mehrere Stunden zu laufen. Auch mein Magen-Darm-Trakt muss lernen, während dieser Belastung regelmäßig Kohlenhydrate und Flüssigkeit aufzunehmen.

Was ich damals unterschätzt habe

Während eines Marathons arbeitet der Körper über Stunden auf einem sehr hohen Belastungsniveau. Gleichzeitig soll man Energie zuführen und trinken. Das klingt simpel, ist es aber nicht unbedingt. Je intensiver die Belastung, desto größer kann die Herausforderung für den Magen-Darm-Trakt werden. Hitze kann diese Situation zusätzlich verschärfen. Und dann passierte bei mir genau das, was ich vorher nie wirklich auf dem Schirm gehabt hatte. Ab ungefähr Kilometer 34 begannen die krampfartigen Magenschmerzen. Trotzdem versuchte ich weiterzulaufen und meine Pace zu halten. Ich hatte schließlich nur noch acht Kilometer vor mir.

Später hatte ich das Gefühl, dass in meinem Magen nichts mehr weiterging. Ich hatte ständig Durst, gleichzeitig fühlte es sich an, als würde alles, was ich getrunken oder gegessen hatte, einfach nur im Magen herumschwappen. Irgendwann kam alles wieder heraus. Wasser. Gel. Alles. Und spätestens da war mein Körper offensichtlich an einem Punkt angekommen, an dem mein Plan nicht mehr funktioniert hat.

Kann man seinen Magen für einen Marathon trainieren?

Ja, zumindest teilweise. In der Sportwissenschaft gibt es dafür den Begriff "Training the Gut". Gemeint ist, dass der Magen-Darm-Trakt an die regelmäßige Aufnahme von Kohlenhydraten und Flüssigkeit während längerer Belastungen gewöhnt werden kann.

Genau das hatte ich versäumt. Ich hatte monatelang meine Laufleistung aufgebaut, meine Pace trainiert und Long Runs gemacht. Aber ich hatte nicht konsequent getestet, welche Form von Fueling mein Körper verträgt, in welcher Menge und unter welchen Belastungsbedingungen. Das ist für mich rückblickend eines der größten Learnings aus Wien: Fueling gehört ins Training. Nicht erst in den Wettkampf.

Und jetzt bekomme ich eine zweite Chance

Läufer passieren das Brandenburger Tor beim Berlin-Marathon, Zuschauer säumen die Straße.
BERLIN, GERMANY - SEPTEMBER 21: Runners running through the Brandenburg Gate during the 2025 BMW Berlin-Marathon on September 21, 2025 in Berlin, Germany. (Photo by Marvin Ibo Guengoer - GES Sportfoto/Getty Images) © Getty Images

Nach Wien hätte ich sagen können: Das war's. Stattdessen habe ich jetzt die Möglichkeit, am 27. September beim Berlin Marathon wieder an der Startlinie zu stehen. Und ich habe mir wieder dasselbe Ziel gesetzt: 3:45 Stunden. Ich will also nicht einfach langsamer laufen und hoffen, dass diesmal alles gut geht.

Ich will besser vorbereitet sein. Mein größtes Problem war dabei überraschenderweise gar nicht, dass ich grundsätzlich keine Gels vertrage. Es war die Süße. Also habe ich angefangen, verschiedene Produkte auszuprobieren und mein Fueling diesmal genauso ernst zu nehmen wie mein Lauftraining.

Und dann kam irgendwann dieser Moment, den wahrscheinlich viele Läufer kennen: Man findet plötzlich etwas, das für den eigenen Körper funktioniert. Ein Fueling, das man auch nach zwei Stunden noch aufnehmen kann. Etwas, bei dem man nicht schon beim Gedanken an das nächste Gel das Gesicht verzieht. Und plötzlich fühlt sich auch ein Long Run anders an.

Genau das will ich bis Berlin herausfinden

Wie viel Kohlenhydrate brauche ich tatsächlich? Wann muss ich sie aufnehmen? Denn diesmal will ich bei Kilometer 38 nicht mehr hoffen, dass es irgendwie gut geht.

Was ich diesmal verwende, wie ich mein Fueling in den kommenden Long Runs trainiere und welche Produkte bei mir tatsächlich funktionieren, zeige ich in den nächsten Teilen meines Berlin-Marathon-Trainingstagebuchs. Denn diesmal trainiere ich nicht nur für 42,195 Kilometer. Ich trainiere dafür, sie auch zu Ende zu laufen.

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