Widerstand im Mutationsgebiet

Tirol: Ein Rebellen-Land als Problemfall

Tirol: Ein Rebellen-Land als Problemfall
© APA/EXPA/ERICH SPIESS
Ein Jahr nach Ischgl ist Tirol wieder Corona-Hotspot Europas und steht einmal mehr in der Kritik. Tirol als »Buhland« - und die Ösis sind wieder die Bösis.
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Tirol mit dem größten Cluster der Südafrika-Mutation B. 1.351 in ganz Europa. Bloß Pech oder selbstverschuldet? In jedem Fall weiterhin Anlass für europaweites Tirol-Bashing.

Britische Skilehrer, die ungeniert Party feiern und für weitere Virusausbreitung sorgen, Urlauberrazzien in Wintersportzentren wie St. Anton am Arlberg, Tirol als Mutationssperrgebiet und nach Sanktionen harsche Töne nach Wien oder München: Ein Jahr nach Ischgl hat Tirol wieder das Fett weg. Als "Virol" wird es seither im Internet verspottet.

Das System Tirol

Die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit sparte da nicht mit scharfer Kritik: "Das System Tirol, dieser verkrustete Zirkel aus Touristikern und Unternehmern, bringt die österreichische Pandemiebekämpfung in ernsthafte Gefahr - und spielt mit der Gesundheit von uns allen." Für das deutsche Robert-Koch-Institut gingen Skiurlaube und Anstieg der Südafrika-Variante ja Hand in Hand: "Der starke Anstieg wird mit diesem Geschehen ursächlich erklärt."

Medial machte damit ein "Ischgl 2.0" die Runde. Deutschland reagierte bekanntlich mit Grenzkontrollen, Irland setzte gleich ganz Österreich auf die Rote Liste. Jede Entwicklung wird international mit Argusaugen beobachtet, notfalls mit Sanktionen bedacht. Was in Tirol gerne als "Rache für Ischgl" gesehen wird, ist imagemäßig für ein vom Tourismus abhängiges Land wie Tirol freilich eine Katastrophe.

"Rülpser aus Wien"

Und das Land reagierte seinem Andreas-Hofer-Image gemäß rebellisch. Als Wien die Reisewarnung verhängte, ließ Tirols Wirtschaftskammerchef Christoph Zangerl wissen: "Die werden uns noch kennenlernen." AK-Präsident Erwin Zangerl meinte, man solle die Tiroler nicht wie Pestkranke behandeln, und Franz Hörl, mächtiger Wirtschaftsbund- und Seilbahnenchef, kommentierte die Maßnahme als "Rülpser aus Wien".

Sätze, die im Netz viral gehen, dort mit der Aussage des Gesundheitslandesrates Bernhard Tilg nach dem Ischgl-Desaster ("Wir haben alles richtig gemacht") konkurrieren. Auch Landeschef Günther Platter (ÖVP), der sowohl Ischgl als auch den Südafrika-Cluster als "unglaubliches Pech" bezeichnet, brachte seine Zweifel an den Maßnahmen an. Dazu hieß es dann in der Frankfurter Allgemeinen: Im Stellenprofil eines Tiroler Landeshauptmanns sei "Trotz eine wichtige Eigenschaft".

Virologin Dorothee von Laer von der Medizinischen Universität Innsbruck, die Alarm geschlagen hatte ("Ich hoffe, es ist nicht zu spät"), sah sich im Gegenzug mit Anfeindungen konfrontiert. "Experten sollen sich nicht in den Vordergrund spielen", hieß es einmal mehr von WK-Chef Zangerl.

Klage gegen die Republik. Und schon droht den wehrhaften Tirolern das nächste Unheil: Hatte doch der Verbraucherschutzverein (VSV) nach der Causa Ischgl mehrere Musterklagen gegen die Republik Österreich eingebracht. Laut Peter Kolba vom VSV haben sich 6.000 Personen aus 45 Staaten gemeldet, die Ende Februar und Anfang März 2020 in Tirol ihre Skiferien verbracht haben. 80 Prozent von ihnen seien positiv auf Covid-19 getestet worden. Mehr als 1.000 haben den VSV bevollmächtigt und sich dem Verfahren angeschlossen, das am 9. April im Wiener Justizpalast startet.

Der Vorwurf: Die Behörden hätten es unterlassen, die Touristen ausreichend über die Gefahr aufzuklären und zu schützen. Sie seien so für schwere Krankheitsverläufe und sogar Todesfälle verantwortlich.

Star-Blogger: »Die Politik hat sich verschanzt und eingebunkert«

Der 65-jährige Bergbauer aus Sölden lehrt mit seiner Seite dietiwag.org den Mächtigen mitunter das Fürchten und ist für die Aufdeckung zahlreicher Skandale verantwortlich. So prangerte Wilhelm 2018 etwa Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung bei den international renommierten Festspielen Erl an, was zum Rücktritt von Intendant Gustav Kuhn von all seinen Funktionen führte.

Insider: Herr Wilhelm , wird in Tirol besonders viel unter den Teppich gekehrt?

Wilhelm: Nein, es wird nur mehr unter den Teppich geschaut.

Insider: Tirol steht europaweit wieder in der Kritik. Hat das Land aus Ischgl und seinen Folgen nichts gelernt?

Wilhelm: Wer ist das Land? Die Politik hat sich verschanzt, eingebunkert, ist seit Ischgl im Verteidigungsmodus und macht Fehler um Fehler. Es fehlt, brutal gesagt, an Intelligenz. Bei den politischen Vertretern und ihren Beratern.

Insider: Finden Sie, dass Tirol-Bashing betrieben wird?

Wilhelm: Ja, klar. da wird auch ganz viel dummes Zeug geredet. Von Leuten, die ganz weit weg sind und statt mit Argumenten mit Klischees kommen. Das ist nicht immer, aber oft ziemlich genau dasselbe Niveau wie auf der Gegenseite.

Insider: Reagiert Tirol auf empfundene Bevormundung, sei aus nun aus Wien oder aus Deutschland, erst einmal mit Trotz?

Wilhelm: Bestemm. Abwehrreaktion. Und leider fühlen sich schon viele als etwas Besseres. Eine sehr negative Folge der glorifizierten Landesgeschichte.

Insider: Gibt es einen aktuellen Skandalfall, an dem Sie arbeiten?

Wilhelm: Über Eier, die nicht gelegt sind, ja noch nicht einmal die Eiform erlangt haben, spricht man nicht.

Insider: Ihre ganz persönliche Corona-Bilanz?

Wilhelm: Persönlich bin ich durch meinen Wohnsitz fernab und durch meine Selbstständigkeit vergleichsweise privilegiert. Als Publizist bin ich behindert in der Themensetzung, weil es nur noch ein einziges, alles bestimmendes Thema gibt.

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