Ideale Bedingungen
Zu warm! Kraken-Invasion in der Nordsee
Die Nordsee durchläuft aktuell eine große Veränderung. Belgiens Fischer fangen nicht mehr Krabben und Kabeljau, sondern Tonnen von Kraken und Kalmaren. Dafür verantwortlich ist die Erwärmung der Nordsee.
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Gegenüber dem "Westschweizer Radio und Fernsehen" (RTS) schätzt Hans Polet, wissenschaftlicher Direktor am flämischen Institut für Landwirtschafts- und Fischereiforschung (Ilvo), den Temperaturanstieg des flachen südlichen Teils der Nordsee in den vergangenen hundert Jahren auf rund vier Grad. Besonders für die Kraken ist der Anstieg wichtig. Ihre Eier brauchen eine Wassertemperatur zwischen neun und elf Grad. Erst dann können sie sich entwickeln und schlüpfen. Zuvor war die Nordsee einfach zu kalt für die Eier von Kraken.
"Heute machen sie den größten Teil unserer Fänge aus"
Zudem finden die Tiere ein reichhaltiges Nahrungsangebot vor. Auf der Speisekarte von Kraken und Kalmaren stehen Krabben, Krebse und Heringe, die in der Nordsee zahlreich vorhanden sind. Zusätzlich sinkt die Zahl ihres größten Gegenspielers. Der Kabeljau verschwindet zunehmend aus der Region. Durch die wärmeren Gewässer können sie sich kaum fortpflanzen.
Die Lage hat sich in den letzten Jahren rasant verändert, so Tom Premereur, Direktor der Flämischen Fischauktion. Vor etwa neun Jahren wurde fast kein einziger Tintenfisch gefangen. Premereur sagt: "Heute machen sie den größten Teil unserer Fänge aus." Auch große Kraken landen seit erst rund zwei Jahren regelmäßig im Netz der Fischer.
Mittlerweile machen die Kopffüßer über ein Fünftel der gesamten Fangmenge aus, wie die Agentur für Landwirtschaft und Seefischerei der flämischen Regierung für das Jahr 2025 ausgerechnet hat. Auf dem Markt ist die Veränderung ebenfalls bemerkbar. Die Preise liegen bei zwischen fünf und neun Euro pro Kilo und die Nachfrage steigt weiter an. Ein Großteil der Fänge wird in den Mittelmeerraum verkauft. In Italien, Südfrankreich und Spanien hat die Überfischung die Kraken- und Kalmarbestände minimiert.
Kabeljau verschwindet
Auf der anderen Seite befindet sich der Kabeljau (Dorsch) im Sinkflug. In den 1970er-Jahren betrug der Kabeljaubestand der Nordsee noch rund 270.000 Tonnen. Die Zahl war bis auf etwa 44.000 Tonnen eingebrochen, so die gemeinnützige Fischschutz-Organisation "Marine Stewardship Council".
Zeitweise hat sich der Bestand wegen der strengen Fangquoten teilweise erholt. Seither geht der Bestand wieder zurück. Stefan Neuenfeldt vom dänischen Nationalen Institut für aquatische Ressourcen erklärte bereits 2020 gegenüber "Euronews", dass die genauen Ursachen wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt sind: "Wir können die Frage, warum der Dorschbestand kollabiert, nicht wirklich beantworten", so Neuenfeldt. Als mögliche Ursachen gelten die Erwärmung der südlichen Nordsee, veränderte Nahrungsnetze und eine schwächere Nachwuchsproduktion.
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