3 Strategien
DAS passiert, wenn Putin wirklich angreift
Die Sorge vor einem russischen Angriff auf die NATO nahm in den letzten Jahren dramatisch zu. Besonders das Baltikum gilt als möglicher Brennpunkt. Estland, Lettland und Litauen grenzen direkt an Russland beziehungsweise Belarus und liegen damit unmittelbar an der Ostflanke des Bündnisses. Die NATO hat ihre Verteidigungsplanung deshalb in den vergangenen Jahren massiv ausgeweitet.
Wie ein solcher Konflikt aussehen könnte, beschreibt die "Bild" unter Berufung auf Einblicke in NATO-Planungen. Demnach stehen drei zentrale Elemente im Mittelpunkt: die Abwehr russischer Raketen und Drohnen, eine weitgehend unbemannte Verteidigungszone an der Grenze und die Unterbrechung des russischen Nachschubs.
Erste Phase: Raketen und Drohnen abwehren
Im Falle eines Angriffs müsste die NATO zunächst versuchen, die russischen Luftangriffe einzudämmen. Kampfflugzeuge, Luftabwehrsysteme, Raketen und Drohnen sollen dabei gegnerische Fähigkeiten möglichst früh ausschalten.
Eine besondere Rolle spielt dabei Kaliningrad. Die russische Exklave zwischen Polen und Litauen ist stark militarisiert und verfügt über wichtige Luftabwehr- und Raketensysteme. Zusammen mit dem sogenannten Suwałki-Korridor – der schmalen Landverbindung zwischen Polen und Litauen – gilt die Region als strategisch besonders sensibel. Experten warnen, dass Russland versuchen könnte, die Verbindung zwischen dem Baltikum und dem übrigen NATO-Gebiet zu erschweren.
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Zweite Phase: Drohnen statt Soldaten
Besonders ungewöhnlich ist der Ansatz einer "autonomen Zone", von der die "Bild" berichtet. Entlang gefährdeter Grenzabschnitte sollen Sensoren, Drohnen und unbemannte Fahrzeuge eingesetzt werden. NATO-Soldaten müssten dadurch nicht unmittelbar an der vordersten Linie stehen.
Das Konzept ist keineswegs reine Zukunftsmusik. "Defense News" berichtete bereits im Mai über NATO-Pläne für eine solche Zone. Verbundene Sensoren, Drohnen und weitreichende Waffensysteme sollen ein angreifendes Heer möglichst früh erkennen und bekämpfen.
Auch künstliche Intelligenz gewinnt dabei an Bedeutung. NATO arbeitet an Systemen, die große Mengen von Daten aus Drohnen, Sensoren und Satelliten zusammenführen. Die Technik soll unter anderem dabei helfen, Ziele schneller zu erkennen und die Reaktionszeit zu verkürzen. Die Entscheidung über tödliche Einsätze soll dabei weiterhin beim Menschen liegen.
Dritte Phase: Russischen Nachschub treffen
Der dritte Punkt wäre besonders brisant: Um einen russischen Angriff zu stoppen, müsste die NATO nicht nur die angreifenden Truppen bekämpfen, sondern auch deren Nachschub unterbrechen.
In den von "Bild" beschriebenen Überlegungen geht es deshalb um militärische Infrastruktur wie Flugplätze, Brücken, Bahnverbindungen und Rüstungsanlagen. Auch Spezialkräfte und unbemannte Systeme könnten dabei eine Rolle spielen.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die NATO einen groß angelegten Angriff auf Russland plant. Die Allianz bezeichnet sich weiterhin als Verteidigungsbündnis. Ihr offizielles Konzept für künftige Kriegführung setzt vielmehr auf sogenannte Multi-Domain Operations: Land-, Luft-, See-, Cyber- und Weltraumfähigkeiten sollen miteinander verbunden werden.
Warum gerade das Baltikum?
Die strategische Lage macht die drei baltischen Staaten besonders verwundbar. Gleichzeitig hat sich die NATO-Präsenz in der Region deutlich verstärkt. Finnland und Schweden sind inzwischen Mitglieder des Bündnisses, wodurch sich die strategische Situation im Norden Europas grundlegend verändert hat.
Die NATO hat ihre Ostflanke vom hohen Norden bis zum Schwarzen Meer verstärkt. Dazu gehören multinationale Kampfverbände, Luftverteidigung, Übungen und neue Kommandostrukturen.
Wie ernst die Lage genommen wird, zeigen auch die jüngsten Zwischenfälle. Erst am 14. August schoss ein italienischer NATO-Kampfjet eine Drohne über Lettland ab, nachdem sie in den lettischen Luftraum eingedrungen war. Die Herkunft der Drohne war zunächst unklar. NATO-Flugzeuge waren bereits zuvor mehrfach wegen Drohnenvorfällen im Baltikum im Einsatz.
Parallel warnen westliche Sicherheitsbehörden vor russischen Hybridoperationen – darunter Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation und Drohnenvorfälle. Polen und die baltischen Staaten haben deshalb zuletzt den Schutz kritischer Infrastruktur wie Energieanlagen und Versorgungsnetze verstärkt.
Abschreckung statt Krieg
So dramatisch die Szenarien klingen: Der eigentliche Zweck solcher Planungen ist zunächst die Abschreckung. Russland soll wissen, dass ein Angriff auf Estland, Lettland oder Litauen nicht mit einem begrenzten Vorstoß erledigt wäre, sondern eine Reaktion des gesamten Bündnisses auslösen würde.
Genau deshalb will die NATO ihre Fähigkeiten sichtbar machen. Übungen, neue Waffensysteme, Drohnen und verstärkte Truppenpräsenz sollen potenzielle Angreifer davon überzeugen, dass ein Angriff keinen schnellen Erfolg bringen würde.
Das neue Denken unterscheidet sich damit deutlich von früheren Vorstellungen eines Krieges, der vor allem mit Panzern und Soldaten geführt wird. Künftig könnten Sensoren, künstliche Intelligenz, Drohnenschwärme, Cyberangriffe und weitreichende Präzisionswaffen ebenso entscheidend sein wie klassische Streitkräfte. Die NATO bereitet sich damit auf einen Krieg vor, der gleichzeitig auf mehreren Ebenen geführt würde.
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